Die EU-Digitalisierungsrichtlinie hat sich dazu angeschickt eine ganze Branche zu verändern: das europäische Notariat. Die Richtlinie schreibt vor, dass es in den Mitgliedsstaaten ab Mitte 2022 möglich sein muss, GmbHs bzw. deren europäischen Äquivalente vollständig digital zu errichten. Die allermeisten Mitgliedstaaten sehen für die Errichtung einer GmbH ein notarielles Formerfordernis vor. Zur Umsetzung der Richtlinie haben die Mitgliedstaaten zwei Möglichkeiten. Entweder wird das notarielle Formerfordernis aus dem Errichtungsprozess gestrichen oder es wird die Möglichkeit geschaffen, den Gang zu Notar:innen auch digital abzuwickeln. Soweit ersichtlich haben sich alle Mitgliedstaaten für zweiteren Weg entschieden. Damit werden derzeit in ganz Europa die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen, notarielle Dienstleistungen vollständig digital abzuwickeln. Eine Entwicklung, die durch die Auswirkungen der Coronapandemie weiter beschleunigt wird.

Das Thema ist selbst in den USA verhältnismäßig jung. Auch dort waren Remote Online Notarizations bis zum Ausbruch der Coronapandemie nur in weniger der Hälfte der Bundesstaaten möglich. Österreich nimmt bei Remote Online Notarizations eine Vorreiterrolle ein. Hier gibt es schon seit Anfang 2019 die Möglichkeit, GmbHs vollständig digital zu errichten. Im Zuge der Coronapandemie wurden die gesetzlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, fast alle notariellen Urkunden auch digital zu errichten. Österreich gehört damit, gemeinsam mit den baltischen Staaten, zu den insofern absolut fortschrittlichsten Staaten der EU.

Die Vorteile von Remote Online Notarizations liegen auf der Hand. Es werden Wege eingespart und Beglaubigungen können innerhalb von wenigen Minuten von überall auf der Welt abgewickelt werden. Termine bei Notar:innen werden flexibel verfügbar sein. Insbesondere Unternehmen, die häufig mit Notar:innen zusammenarbeiten sparen sich Zeit und damit Geld. Geschäftsprozesse können vollständig digitalisiert werden. Es entstehen genuin elektronische Urkunden, die auch einfacher im Nachgang abgelegt und verwahrt werden können.

Derzeit fristen Remote Online Notarizations in Österreich noch ein Nischendasein. Weniger als 1% aller notariellen Urkunden werden digital errichtet. Nur wenige Notar:innen bieten den Service an. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Mitgründe dafür sind das mangelnde Bewusstsein für die Möglichkeit und komplizierte digitale Errichtungsprozesse, die sich noch weiter entwickeln müssen. Das österreichische Start-Up notarity entwickelt eine Webplattform, die den digitalen Gang zu Notar:innen so einfach wie möglich gestaltet.

Alles was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden. Zu verlockend sind die Vorteile einer digitalen Welt, auch wenn bestehende Gewohnheiten Entwicklungen verlangsamen. Nach Auffassung des Verfassers wird in einigen Jahren der digitale Gang zu Notar:innen die absolute Regel darstellen, der physische nur mehr die Ausnahme. Notar:innen brauchen diese Entwicklung allerdings nicht als Bedrohung zu sehen. Vielmehr liegt darin auch eine Chance, als moderne Rechtsdienstleister:innen wahrgenommen zu werden. Vertrauen ist in der Welt des Internets ein knappes Gut. Durch die Digitalisierung des Notariats besteht die Chance, auch in der Welt des Internets Transaktionen insgesamt vertrauenswürdiger zu machen. Die Chancen für Notar:innen in einer sich digitalisierenden Welt sind riesig. Nur diejenige, die sich jeder technischen Neuerung verschließen, werden letztlich die sein, die als Digitalisierungsverlierer über den Fortschritt in der Welt stöhnen.

Jakobus Schuster
CEO | Co-Founder
notarity GmbH
notarity.com