Gastbeitrag

Gastbeitrag ÖRAK: Die Zukunft der Rechtsberatung

2. Oktober 2025
Die Zukunft der Rechtsberatung


Die Digitalisierung prägt unseren Alltag wie nie zuvor. Für die Rechtsbranche, die traditionell auf bewährten Prozessen und menschlicher Expertise beruht, stellt dieser Wandel eine besondere
Herausforderung dar.


Die zentrale Frage, die auf Konferenzen wie der Legal Tech Konferenz diskutiert wird, lautet nicht mehr ob,
sondern 
wie wir von Künstlicher Intelligenz (KI) profitieren können. Rechtsanwaltskanzleien müssen überlegen, wie sie die
Chancen moderner Technologien bestmöglich nutzen können, ohne ihre traditionellen Werte – wie Vertraulichkeit, Rechtssicherheit und persönliche Betreuung – zu vernachlässigen.


Denn die Antwort darauf wird nicht nur die Arbeitsweise von Rechtsanwaltskanzleien neu definieren, sondern im besten Fall auch den Zugang zum Recht für alle Bürgerinnen und Bürger fundamental
verbessern.


Chancen für Kanzleien: Effizienzsteigerung und mehr

Für Rechtsanwaltskanzleien ist KI weit mehr als nur ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung; sie ist ein strategischer Partner. Die Möglichkeiten sind vielfältig und reichen tief in den juristischen
Arbeitsalltag. Denken Sie an die Vertragsprüfung: KI-Systeme können in Minuten tausende Seiten analysieren, Risikoklauseln identifizieren und Abweichungen von Standardformulierungen markieren – eine Aufgabe, für die ein Anwaltsteam Tage benötigen würde.


Ein weiteres Schlüsselgebiet ist die juristische Recherche. Herkömmliche Datenbanken basieren auf Schlüsselwörtern. Intelligente Recherchetools hingegen verstehen den semantischen Kontext
einer Anfrage. Sie finden nicht nur Dokumente, die exakte Begriffe enthalten, sondern auch solche, die inhaltlich relevant sind. Predictive-Analytics-Tools gehen noch einen Schritt weiter: Durch die Analyse von Millionen von Gerichtsurteilen können sie Muster
erkennen und Prognosen über den wahrscheinlichen Ausgang eines Falles vor einem bestimmten Gericht oder Richter erstellen. Dies ermöglicht es Anwälten, ihre Strategie auf einer soliden Datenbasis aufzubauen und ihre Mandantinnen und Mandanten fundierter zu
beraten.


Durch die Automatisierung repetitiver Aufgaben – von der Dokumentenerstellung bis zur Fristenverwaltung – wird die wertvollste Ressource eines Anwalts freigesetzt: Zeit. Diese Zeit kann direkt
in die persönliche, strategische und empathische Betreuung der Mandantinnen und Mandanten investiert werden, wodurch die Qualität der Rechtsberatung steigt.


Ein gerechterer Zugang zum Recht

Die Revolution durch KI beschränkt sich nicht auf die Kanzleiräumlichkeiten. Ihre positiven Auswirkungen reichen bis tief in die Gesellschaft hinein. Wenn die Geschwindigkeit der Arbeit zunimmt,
so profitieren auch die Bürgerinnen und Bürger, die ihre Rechtsangelegenheiten schnell geregelt haben möchten, um Rechtssicherheit zu erlangen. Rechtsanwaltskanzleien können ihre Mandantinnen und Mandanten rascher und effizienter betreuen, auch die Justiz
wird – unterstützt durch die Einbindung der KI – im Hintergrund Verfahren rascher abwickeln können. Die Qualität der Arbeit darf dabei aber nicht auf der Strecke bleiben. KI kann immer nur unterstützend, nicht ersatzweise herangezogen werden.


KI hat das Potential, den Zugang zu Rechtsinformationen zu erleichtern. Intelligente Chatbots oder Online-Plattformen können Bürgerinnen und Bürgern helfen, ihre Rechte zu verstehen und den
Zugang zum Recht erleichtern. Dies ersetzt allerdings nicht die Rechtsberatung durch Expertinnen und Experten, wenn es um konkrete Sachverhalte geht, denen juristische Fragestellungen zu Grunde liegen. Auch hier gilt, dass die Qualität der Rechtsauskunft nicht
durch eine KI ersetzt werden kann.


Der menschliche Faktor bleibt entscheidend

Trotz der beeindruckenden Möglichkeiten, die uns KI bietet, müssen wir die Implementierung von KI mit Bedacht und einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein angehen. Die ethischen Herausforderungen
sind real. Der Schutz sensibler Mandantendaten muss oberste Priorität haben und jede KI-Lösung muss den strengen Anforderungen des Datenschutzes genügen.


In der letzten Vertreterversammlung des ÖRAK haben die Delegierten eine Änderung des § 40 Abs 3 RL-BA beschlossen, der auf die technologischen Entwicklungen iZm KI-Systemen Bezug nimmt. Der
ÖRAK hat in weiterer Folge den Informationsfolder „Künstliche Intelligenz (KI) in Anwaltskanzleien“ sowie eine Checkliste für KI-Dienstleister entwickelt. Diese kann von Rechtsanwaltskanzleien den Dienstleistern zur Bestätigung der Einhaltung sämtlicher datenschutzrechtlicher
und berufsrechtlicher Vorgaben vorgelegt werden. Damit sind die berufsrechtlichen Rahmenbedingungen klar abgesteckt.


Ein weiteres Thema, mit dem sich der ÖRAK aktuell befasst, ist der verantwortungsvolle Umgang mit KI-Systemen. Die menschliche Aufsicht ist unerlässlich. Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte
dürfen die Ergebnisse einer KI niemals blind übernehmen, sondern müssen sie kritisch hinterfragen und die KI als das behandeln, was sie ist: ein hochentwickeltes Werkzeug zur Unterstützung, nicht zum Ersatz des menschlichen Urteilsvermögens.


Die Weichen für eine moderne Justiz stellen

Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Ära in der Juristerei. KI hat das Potenzial, die Justiz effizienter, zugänglicher und letztlich gerechter zu machen. Kanzleien, die diese Technologien
proaktiv und verantwortungsvoll integrieren, werden nicht nur ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit sichern, sondern auch einen unschätzbaren Beitrag zur Stärkung des Rechtsstaats leisten. Es liegt an uns, diese Chancen zu ergreifen, die Herausforderungen zu meistern
und gemeinsam eine zukunftsfähige Rechtslandschaft zu gestalten, in der Technologie dem Menschen dient.



Dr. Armenak Utudjian
Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertags

Kommen Sie zur diesjährigen Legal Tech Konferenz!
Es erwartet Sie ein spannender Tag rund um das Thema Digitalisierung und Legal Tech