Gastbeitrag

Vom Datenchaos zur strategischen Wertschöpfung

2. Oktober 2026

Kein Unternehmen kommt heute ohne Daten aus. Doch Masse allein schafft keinen Wert. Ohne verbindliche Regeln wachsen Datenbestände unkontrolliert, Systeme widersprechen sich, und niemand weiß mehr, welche Zahl eigentlich stimmt. Genau hier setzt Data Governance an: Sie bringt Ordnung in den Umgang mit Daten und macht sie erst nutzbar, besonders hinsichtlich des Einsatzes von und mit KI.

Data Governance einfach erklärt

Data Governance bezeichnet das Regelwerk, mit dem ein Unternehmen festlegt, wer mit welchen Daten arbeiten darf, welche Qualitätsstandards gelten und wer dafür geradesteht. Es geht also um Steuerung: Richtlinien, Prozesse, Rollen und Verantwortlichkeiten für einen sicheren und wertschöpfenden Datenumgang.

Häufig wird der Begriff mit Data Management verwechselt. Der Unterschied lässt sich einfach fassen: Governance bestimmt das „Was“ und „Wer“, also den Entscheidungsrahmen. Data Management ist das „Wie“, sprich die technische Umsetzung durch Architektur, Datenintegration und Speicherung. Datenqualität wiederum ist das Ergebnis dieser Arbeit, nicht die Ursache. Gute Governance schafft die Voraussetzungen, damit Datenqualität überhaupt entstehen und gemessen werden kann.

Im Kern geht es um eine Balance: auf der einen Seite Kontrolle durch Datenschutz und Compliance, auf der anderen Seite schneller und sicherer Datenzugriff für Innovation.

Warum sich der Aufwand lohnt

Der Nutzen von Data Governance zeigt sich an drei Stellen im Unternehmensalltag. Erstens entsteht ein gemeinsames Verständnis von Kennzahlen. Wenn „Netto-Umsatz“ im Vertrieb etwas anderes bedeutet als im Controlling, sind Analysen wertlos. Governance sorgt für einheitliche Definitionen und baut Datensilos ab.

Zweitens sichert sie die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben. DSGVO und EU AI Act verlangen mehr als nachvollziehbare Datenherkunft. Nötig sind dokumentierte Rechtsgrundlagen, funktionierende Zugriffskontrollen, regelmäßige Risikobewertungen und laufende Überwachung. Data Lineage, also die Rückverfolgbarkeit von Daten zu ihrer Quelle, ist dabei nur ein Baustein unter mehreren, kein Ersatz für die übrigen Maßnahmen.

Drittens verbessert sie Entscheidungen auf Führungsebene. Wer sich auf eine verlässliche, einheitliche Datenbasis stützen kann, trifft belastbarere Entscheidungen. Im besten Fall entsteht eine Single Source of Truth, auf die sich alle Abteilungen beziehen.

Der blinde Fleck vieler KI-Projekte

Auch für den Einsatz von künstlicher Intelligenz ist Data Governance keine Nebensache, sondern Voraussetzung. Der EU AI Act macht das an vier Punkten konkret: Trainingsdaten müssen bis zur Quelle nachvollziehbar sein, die Datensätze müssen repräsentativ sein, um Verzerrungen zu vermeiden, die Nutzung der Daten muss rechtlich vorab geklärt sein, und laufende Qualitätskontrollen müssen verhindern, dass ein heute passender Datensatz in wenigen Monaten veraltet ist.

Data Governance begleitet ein KI-System damit über den gesamten Lebenszyklus, nicht nur vor dem Training. Dr. Alexander Neulinger, Referent an der ARS Akademie, bringt es auf den Punkt: Wer eine KI mit einem Datenchaos füttert, darf sich über chaotische Ergebnisse nicht wundern – „Garbage in, garbage out“ gilt für KI-Systeme genauso wie für klassische IT.

Wer trägt die Verantwortung?

Data Governance scheitert häufig nicht an der Idee, sondern an unklaren Zuständigkeiten. In der Praxis haben sich vier Rollen etabliert: Das Data Governance Board als Steuerungsgremium aus Geschäftsführung, IT und Fachbereichen gibt die Strategie vor. Data Owner, also meist Führungskräfte aus den Fachbereichen, tragen die fachliche Verantwortung für ihre Datendomäne und entscheiden über Zugriffsrechte. Data Stewards pflegen im Alltag die Datenqualität und Datenkataloge. Data Custodians aus der IT verantworten die technische Umsetzung in den Systemen.

Diese vier Rollen werden in der Praxis oft zusätzlich zur eigentlichen Funktion ausgeübt. Damit sie nicht isoliert nebeneinander arbeiten, braucht es eine koordinierende Instanz: den Data Management Officer*innen.

Data Management Officer*innen führen das Governance-Programm zusammen, entwickeln Richtlinien weiter und stellen sicher, dass Dateninitiativen nicht versanden, sondern messbar zur Wertschöpfung beitragen. Ihre eigentliche Stärke zeigt sich in der Vermittlung zwischen zwei Welten: Das Tagesgeschäft will schnellen, unkomplizierten Datenzugriff, die IT muss Sicherheit und Stabilität gewährleisten. Beide Anliegen sind berechtigt, aber unterschiedlich gewichtet. Data Management Officer*innen erklären der IT den geschäftlichen Nutzen einer Anforderung und zeigen den Fachbereichen, warum saubere Datenpflege langfristig Zeit spart statt Bürokratie zu erzeugen.

Was Governance-Projekte am Ende trägt

Drei Faktoren entscheiden darüber, ob Data Governance im Unternehmen tatsächlich funktioniert oder als Papiervorgabe endet: ein klarer Bezug zu konkreten Geschäftsproblemen, sichtbare Unterstützung durch die Geschäftsführung und ein Grundverständnis für Datenqualität in der gesamten Belegschaft, das sich durch Schulungen aufbauen lässt.

Data Governance ist damit kein abgeschlossenes IT-Projekt, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Unternehmen, die sie ernst nehmen, schaffen die Grundlage für verlässliche Entscheidungen, rechtliche Sicherheit und einen verantwortungsvollen Einsatz von KI.

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